Wie die ersten Tage in den Sommerferien – warum ich die WM-Vorrunde mag

Ich mag die WM-Vorrunde, denn in der WM-Vorrunde, da ist alles gut. Alles ist möglich und doch noch nichts passiert. Man schaut Spiel an Spiel an Spiel, vergisst die Schlechten sofort und freut sich über jeden neuen Anpfiff wie wenn man in der vermeintlich leeren Folie doch noch ein Stück Schokolade entdeckt. Allein die Paarungen! Argentinien-Kamerun. Frankreich-Chile. Japan-Spanien. Keine langweiligen Freundschaftsspiele im Februar, sondern echte Kontinentenvergleiche. Dazu die Exoten, denen man alles gönnt, sie haben sich ja schließlich qualifiziert. Für Honduras jubeln, Neuseeland feiern.

Immer schwingt die leise Hoffnung auf das Stolpern der anderen mit. England mal wieder verloren, hihi. Und die Überraschung, wenn tatsächlich zwei Nationen im Koordinatensystem ihrer Gruppe die Plätze tauschen. Italien nur Zweiter? Da werden sich die Spanier aber über ihr Achtelfinale ärgern. Endlos verschieben sich Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. So fasziniert wir schon vor WM-Eröffnung das komplette Turnier durchdacht haben, so freuen wir uns jetzt über jeden Irrtum, prüfen das überraschende Ergebnis auf schwerwiegende, ja vielleicht sogar fatale Konsequenzen für die überrumpelte Mannschaft.

In der Vorrunde liegt die WM vor einem wie die Sommerferien. Wieder und wieder geht man die kommenden Wochen im Kopf durch und im Bauch grummelt’s vor Freude, denn es könnte einfach alles passieren. Man stürzt sich in die ersten Tage, ist aufgedreht vor Freude, trifft sich mit Freunden, packt alles, was den Sommer schön macht, in einen einzigen Tag.

Alles ist leicht und alles ist neu. In die täglichen Sensationen der ersten Tage mischt sich die Erinnerung an vergangene Sommer. Weißt du noch, damals, gegen Australien, Podolski? Bevor es eng wird, jede gelbe Karte ihren Schatten auf das nächste Spiel wirft, das Netz unter unserem Weltmeisterseiltanz plötzlich fehlt, gönnt uns das Turnier Unbeschwertheit. So wie das Stolpern der ärgsten Konkurrenten im Grunde unwahrscheinlich ist, ist es auch das Ausscheiden der eigenen Mannschaft. Jede Vorrunde hat eine Dynamik, an ihrem Ende steht aber immer ein Neu-Anpfiff des Turniers mit nur wenigen Überraschungen. Italien schafft es irgendwie doch und, ach, die armen Schotten schon wieder.

Hinter der Vorrunde lauert das Ernsthafte, die Enttäuschung. Das braucht es auch, aber noch nicht jetzt, bitte. Erstmal wollen wir Fußball sehen, viel Fußball, täglich. Ein bisschen träumen, viel hoffen, uns ein bisschen ärgern, aber vor allem freuen.

Ich mag die WM-Vorrunde, denn in der WM-Vorrunde, da ist alles gut.

2 Kommentare Wie die ersten Tage in den Sommerferien – warum ich die WM-Vorrunde mag

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